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„Blütezeit“ – eine vegetarische Kolumne von Bruno Brauer & Uwe Janssen

10.05.2012 | Aus: Portraits & Interviews

Am 02. März 2012 veranstaltete das Umweltzentrum Hannover ein erstes hannoversches Veggietag Dinner in Kooperation mit den „Genussmachern“ – dem Marketingverbund hannoverscher DeHoGa-Gastronomen aus Stadt und Region Hannover. Rund 100 Meinungsmachern aus Politik und Gesellschaft präsentierten die Küchenmeister der Genussmacher an diesem Abend ein erlesenes Menü in vier Gängen und zeigten, was die kreative Veggie-Küche zu bieten hat. Für das Rahmenprogramm sorgten, neben der musikalischen Begleitung durch die Band Tea For Two, die HAZ-Kolumnisten Bruno Brauer und Uwe Janssen. Sie bereiten die Geschichte des Vegetarismus von der Steinzeit bis heute auf und sorgten auch damit für eine gute Stimmung im Saal.

Blütezeit

Was ist das für eine Welt, in der es Fleischtomaten gibt? Und Käse-Igel. Was ist das für eine Welt, wo bei Hackfleisch halb und halb der Schweineanteil 60 Prozent beträgt?

Es ist eine verwirrende Welt, in der man sich nie sicher sein kann. Gerade beim Thema Ernährung. Wollte man sich in der Vergangenheit fleischlos ernähren, so war man bei Fast-Food-Ketten wie McDonald’s und Burger-King auf der sicheren Seite.

Alles war gut, bis so genannte Verbraucherschützer die fürsorglichen Imbissketten zwangen, in ihren Produkten allen Ernstes Fleisch zu verarbeiten. Seitdem wird Südamerika abgeholzt, Niedersachsen von Hähnchen überschwemmt und die Weltklimabilanz ist komplett aus den Fugen.

Früher war alles besser. Selbst die Menschen. Der Mensch ist, biologisch gesehen, bekanntlich ein Omnivore, ein Allesfresser. Er isst Obst UND Gemüse. Über viele Jahrtausende verzichtete der Mensch auf Fleisch. Der Grund: Das Feuer war noch nicht erfunden. Jedenfalls nicht das Lagerfeuer.

Es ist die Zeit des Homo Vegetaris, einer humanoiden Lebensform, die mangels Grillmöglichkeiten alles in sich reinstopft, was nicht laufen kann. Hauptsache es ist grün, hat keine Stacheln und leistet wenig Widerstand. Im Winter hält sich der Homo Vegetaris mit Penne Arrabiata über Wasser. Der Body-Mass-Index des Homo Vegetaris ist legendär.

© Umweltzentrum Hannover e.V. / Bruno Brauer und Uwe Janssen

Der parallel existierende Homo Suppiens ergänzte vor rund 300.000 Jahren die Speisekarte um diverse Eintöpfe, mit Linsen, Möhren und Mammut. Man ahnt, der frühe Homo Suppiens war kein lupenreiner Vegetarier, aber wenigstens konzentrierte sich sein Fleischverzehr auf pflanzenfressende Tierarten.

Gescheitert ist er unter anderem daran, dass es noch kein Feuer gab, die Suppe mithin kalt gegessen werden musste. Malereien in den Höhlen der spanischen Provinz Gazpacho zeigen einen Clan, dessen Häuptling eine Preiselbeer-Mandel-Suppe mit einem Faustkeil in mundgerechte Stücke zerlegt, der Sippenkasper tanzt dazu.

Spät, aber nicht zu spät entdeckt der Früh-Mensch das Feuer für sich, eigentlich mehr durch Zufall auf www.feuermachenfueranfaenger.de. Es beginnt ein Zeitalter ungezügelten Fleischkonsums. Der Früh-Mensch isst Mammut medium mit Früh-Kartoffeln.

Zu jener Zeit wird in Hannover das „Hiller“ gegründet. Es ist damit – mit relativ weitem Abstand – das älteste vegetarische Restaurant Deutschlands. Abseits Hannovers machen vegetarische griechische Intellektuelle auf sich aufmerksam, der bekannteste ist Pythagogras, der alte Vitaminjunkie mit seinem a2 + b2 = Hohes C2.

Viel verdankt die fleischlose Welt Friedrich den Großen. Der selbstlose Regent machte die Kartoffel in Deutschland bekannt, so bekannt, dass selbst ein Gericht nach dem Alte Fritz benannt wurde: Pommes Fritz. Die Preußen gelten als vorbildliche Vegetarier, die Ost-Preußen erfinden den Kartoffel-Shiitake-Eintopf.

Bei der Verbreitung des Vegetarismus helfen Prominente. Sie ebnen der Bewegung den Weg weg von Runkeln und Radieschen hinein ins Pflanzenlicht der Öffentlichkeit. Menschen des öffentlichen Nahverzehrs wie Jesus, Leonardo da Vinci, Gandhi, Friedrich Nietzsche, Albert Einstein, Pamela Anderson, George Bernhard Shaw und Tolstoi.

Etwa Leo Tolstoi, dessen Hauptwerk „Krieg und Frieden“ eigentlich „Erbsen und Möhren“ heißen sollte. Tolstoi gab schließlich dem Druck der Verleger nach, gab dem Roman seinen heute bekannten Namen und schrieb das Nutzgartendrama zu einem Schlachtenepos um.

Wir erinnern uns an Franz Kafka, die tschechische Stimmungskanone, die dem Fleisch abschwor, von Kopfschmerzen und Nervosität geplagt. Vielleicht hätte ihm jemand raten sollen, es erstmal damit zu versuchen, die zwei Flaschen Becherovka wegzulassen und dann mal zu gucken..

Wir erinnern uns an George Bernhard Shaw, der damit leben musste, dass ihn Siegmund Freud, der Erfinder der „Ich-Über-Ich und Ess-Kultur, einen „Hanswurst“ nannte – und ihn damit an einer besonders empfindlichen Stelle traf.

Wir erinnern uns an Gandhi, dessen Widerstand gegen die britischen Besatzer in Indien der Legende nach erst begann, nachdem er aus Versehen eine ungesüßte Portion Porridge gegessen hatte. Wenn das stimmt, dann war die Unabhängigkeit Indiens pure Notwehr.

Wir erinnern uns aber auch an Sportler, Tennisprofis wie Martina Navratilova oder auch einige Damen. Navratilova gewann viermal die US Open. In Fleisching Meadows.

1955 zieht das „Hiller“ um – von der Knochenhauerstraße in die Blumenstraße. Eine gute Wahl. T-Bone-Tofu kommt auf die Karte, Filme wie „Ich denke oft an Pirroga“ mit Gustav Knust begeistern Nachkriegsdeutschland und machen auf fleischlose Ernährung aufmerksam.

Amerika und England werden zu Hochburgen des Vegetarismus. Schauspieler wie Joaquín Phoenix tragen den Vegetarismus sogar im Namen: Vieh – nix!

Wir erinnern uns an die Tofubeichte von BRAT Pitt, der bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Grundschule Schnitzel-Pitt gerufen wurde und erst durch Angelina Jolie den Appetit an großen Früchten entdeckte.

1969 begründen zwei Studenten in Kornwestheim die heute noch gültige Aufteilung innerhalb des Vegetarismus. Die beiden machten sich Nudeln warm, kippten eine Flasche kalten Ketchup drüber und nannten es nach ihrer Wohngemeinschaft WG-Tarisches Essen. Nach dem Essen wurden im Plenum die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Vegetarismus beschlossen:

Der Vegetarier darf demnach essen: Obst, Gemüse, Salat, die Puddingsorten Flecki und Paula sowie Kakao ohne Milch. Ovo und Lacto-Vegetarier essen Eier und trinken ihren Kakao mit Milch. Schmeckt einfach flüssiger.

Die Veganer sind Vegetarier ohne Eier. Hardcore-Vegetarier. Ultras. Viele können Tiersprachen. Der Veganer isst: Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte. Manchmal grast er. Er isst nicht: Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Pflanzen mit Tiernamen wie Hahnenklee und Löwenzahn.

Die Flexitarier sind Teilzeit-Vegetarier, essen Fleisch nur, wenn sie Hunger haben. Flexitarier verzichten an mindestens drei Tagen in der Woche auf Fleisch und essen am vierten Tag ein halbes Schwein mit Pommes, wenn das Schwein Abitur hatte. Der Flexitarier isst: Worauf er Bock hat. Mal Fleisch, mal Obst, heute Flecki, morgen Paula.

Der Flexitarier isst nicht: Billigfleisch. Billigobst. Billy-Regale.

Die Frutarier sind die Ultra-Ultras. Sonderbotschafter der Natur, Wurzelpazifisten. Essen nur Früchte von Pflanzen, die bei der Ernte nicht sterben müssen wie Obst und Nüsse. Radikale Vertreter – die Fruganer – sind Ultra-Ultra-Ultras. Sie essen nur Obst, das von selbst vom Baum gefallen ist. Viele Fruganer werden von Äpfeln erschlagen.

So genannten Lichtesser leben ohne feste Nahrung. Vorbild und Lichtgestalt: Suppenkasper. Der Lichtesser isst „kosmische Partikel“.

Vorteil: Übergewicht gilt als ausgeschlossen. Nachteil: Hungergefühl bei Sonnenfinsternis. Kaum Versorgung an Autobahnraststätten. Lebensgefährlich.

Der Rotarier, die extremste Form von Frutariern und Lichtessern. Der Rotarier ernährt sich nur von Gedankenaustausch. Da muss man nicht einkaufen, weshalb der gemeine Rotarier in der Regel über ein gewisses Vermögen verfügt.

Im vegetarischen Dunstreis bewegen sich die Instinctos. Für Instinctos ist Kochen zivilisatorischer Irrsinn und blanker Selbstmord. Der Mensch soll sich ausschließlich von unbehandeltem Essen ernähren. Langfristiges Ziel: die Abschaffung von elektrischem Strom und Feuer in kontrollierter Umgebung. Danach Rückkehr der Menschheit auf den Baum.

Bleiben die Freeganer. Freeganer gehen nicht einkaufen, sie gehen „containern“. Ihre Mahlzeiten suchen Freeganer im Abfall von Supermärkten und Restaurants. Freeganer kennen keine Skrupel, keine festen Essenszeiten und kein Mindesthaltbarkeitsdatum.

Der Freeganer isst: Pizza Tonno, Chili Con Tainer, Flecki und Paula.

Sie essen nicht: Alles was Geld kostet.

In Hannover propagiert in den Achtzigern ein gewisser Gerhard Schröder die vegetarische Lebensweise. Dabei ist Schröder von Hause aus gar kein Vegetarier. Normalerweise gibt es bei Schröders zum Frühstück Calenberger Pannenschlag, vormittags eine Diätcurry mit Pommes Schlanke, mittags Schnetzle mit Gerdbeeren, nachmittags ’ne durchgezapfte Bratcurry auf die Faust, und abends endlich was Warmes.

1984 heiratet Hiltrud Schröder Gerd Schröder. Gerd Schröder ändert seine Ernährungsgewohnheiten radikal. Der Konvertit macht Bekanntschaft mit ayurvedischem Essen, das vorbeugend gegen Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen wirkt und bei richtiger Dosierung sogar Hunger heilt. Die Schröders kaufen sich ein neues Auto, es wird ein Renault Végan.

Die Ehe endet 1997. Hillu Schröder hatte ihren Mann dabei ertappt, wie er heimlich unter der Bettdecke die berühmte Ein-Meter-Currywurst der Südstadt-Lokalität „Bei Angelo“ verzehrte. Mit Spezialsauce und Kartoffelspalten mit Schafskäse drauf, unter dem Kopfkissen findet die zierliche Politikergattin ein lauwarmes 0,3-Gilde.

Schröder wird kurze Zeit später Bundeskanzler. Per Kabinettsbeschluss wird die Kanzlerplatte – ein Meter Currywurst mit Spezialsauce, Kartoffelspalten mit Ziegenkäse drauf – bundesweit zur Pflichtmahlzeit an Schulen und Universitäten. Ein Auslandsstudium gewinnt schlagartig an Attraktivität.

Die 80er und 90er sind die Veggie-Years in Hannover. An jeder Straßenecke wird Blumenkohl-Sojaragout mit Basilikum-Pesto feilgeboten. Es gibt „Kohlrabi to go“ und „Wirsing on a stick“. Der Sänger Meat Loaf wird zur Persona non gratinata erklärt und die CD „Der Mettwurstpapst“ von Heinz Strunk aus den Regalen entfernt.

Am Steintor liefern sich das Bratling-Glöckle und der Wurz-Basar eine kulinarische Küchenschlacht um die besten vegetarischen Gerichte. In Linden macht der erste rein vegane Lebensmittelladen Norddeutschlands auf, wo die Veganer den Betreiber namens Leibeguth aufgetrieben haben, bleibt ihr Geheimnis.

Doch es gibt Rückschläge. 2006 wird aus dem „Pflanzke“ am Königsworther Platz das „Schweinske“, in dem das einzige vegetarische Gericht – Makkaroni mit Tomatensauce – 18,95 Euro kostet und im Hinterhof zu sich genommen werden muss.

Trotzdem, am Siegeszug vegetarischer Lebensweise kann kein Zweifel bestehen.

Denn erst wenn die letzte Nudel gerodet, der letzte Wirsing vergiftet, der letzte Kürbis gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Fleisch nicht essen kann.

© Janssen/Brauer www.redenstattpattensen.de

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